Judengasse

Teilstraße (Gasse) als nord-westliche Begrenzung der Altstadt ab Parkplatz, in Verlängerung der Elisabethenstraße (Einfahrt aus der Kirchstraße/katholische Kirche bis Parkplatz).


Geschichte

Bereits seit 1477 wird eine „Judengasse“ in Montabaur erwähnt. Dabei handelt es sich aber nicht um eine offizielle Straßenbezeichnung, sondern einfach um eine Bezeichnung für den überwiegend von Juden bewohnten Straßenzug. Seit 1478 wohnten jedoch keine Juden mehr dort, wie wir 1994 einer  Stellungnahme des Stadtarchivars Henkel, die er aus Anlass einer beabsichtigten  Änderung der Straßenbezeichnung anfertigte, entnehmen können. Da sich aber die Straßenbezeichnung bis zum ersten offiziellen Auftreten in einer Stadtkarte von 1862 im Volksmund gehalten hat, kann durchaus unterstellt werden, dass auch über die vier Jahrhunderte hindurch einzelne Familien sich in Montabaur aufgehalten haben. So hat Dr. Possel-Dölken in seiner Chronik für die Stadt Montabaur für die Jahre 1558, 1563 und „um 1600“, 1644 werden vier Familien, für 1691 eine Judenschule, für 1712 eine Judengemeinde und Juden allgemein beschrieben. Judenschule, wie auch die alte Synagoge (die neue wurde 1882 in der Wallstraße eingeweiht, siehe Abschnitt c) fanden sich aber nicht mehr in der Judengasse, sondern waren am Vorderen Rebstock zu finden.

Im Jahre 1899 erfolgte im Altstadtgebiet eine umfassende Vergabe von Straßennamen. Bis dahin waren lediglich umgangssprachlich Straßenbezeichnungen üblich, die aus einer Mischung zwischen (wenigen) konkreten Straßennamen (wie z.B. Steinweg, Kirchgasse) und den alten „Nachbarschaften“, angelehnt an alte Flurnamen (z.B. „Vor dem Peterstor“, „Sommerwiese“, „An dem Biergässchen“, Am Rebenstock  usw.) ergaben.

Im Zuge dieser Neubenennung entschloss sich der Stadtrat den Straßenzug aufzuteilen. Den oberen Teil, parallel zur katholischen Kirche, an der auch andere kirchliche Einrichtungen lagen, christianisierte man, da es den Kirchenmännern sicher nicht genehm war in einer „Judengasse“ zu arbeiten, die sie ja als „Christusmörder„ verachteten.  Es wurde daher die Umbenennung in „Elisabethenstraße“ vollzogen, die sich nunmehr von der Einmündung Kirchstraße bis zum Ende des Parkplatzes erstreckte. Für den Rest der Straße (Judengasse) wurde ein neuer Name – „Hintergasse“ – vorgeschlagen (gewisse Kreise wollten die Judengasse ganz ausmerzen), der jedoch keine Mehrheit im Stadtrat fand.

Da sich in der Judengasse auch die Schlachterei des Josef Hannappel befand, der auch gelegentlich  das „Schächten“ durch einen jüdischen Schlachter  – zuletzt noch eine Woche vor Inkrafttreten des Schächtverbotes – in seinem Schlachthaus gestattete, geriet die Judengasse in das Interesse der nationalsozialistischen Tendenzen in der Stadt. Es dauerte dann aber doch noch bis zum 24. Mai 1938, bis der Stadtrat, ohne weitere Aussprache oder Begründung (jedenfalls nach dem Protokoll der Stadtratssitzung) im einzigen Punkt der Tagesordnung beschloss, die verbliebene Judengasse auch in Elisabethenstraße umzubenennen.

Sechsundfünfzig Jahre nach dieser judenfeindlichen Aktion im Vorfeld der Reichprogromnacht von 1938,  beantragten Schüler der Heinrich-Roth-Schule beim Bürgermeister der Stadt die Wiederherstellung der alten Straßenbezeichnung „Judengasse“. Nach umfangreichem Austausch der Argumente in den politischen Gremien für oder gegen die erneute Umbenennung, die auch teilweise zu erheblichen Irritationen führte, heißt es im Stadtratsprotokoll vom 9. Februar 1995: „Bürgermeister Possel-Dölken stellt die Empfehlung der Verwaltung vor, entsprechend dem Stand von 1938 einen Teil der Elisabethenstraße in „Judengasse“ umzubenennen.“  Ganz reibungslos ging dieser Tagesordnungspunkt dann doch nicht über die Bühne. Nach noch einmal kontroverser Debatte stimmt der Stadtrat mit 19 Ja-Stimmen, 6 Neinstimmen bei einer Enthaltung, dem Verwaltungsvorschlag zu.

Über die offizielle Umbenennung und die damit verbundene Veranstaltung vom 29. März 1995 berichtet die Westerwälder Zeitung: „Seit gestern Nachmittag gibt es in Montabaur wieder ein Straßenschild mit dem Namen Judengasse. Nach einer Ansprache von Bürgermeister Possel-Dölken wurde dieses Schild im Beisein  von Schülern, Ratsmitgliedern, Bürgern und Anliegern montiert […] Mit der Umbenennung mache die Stadt Montabaur zudem das rückgängig, was ein nichtdemokratisch bestimmter Rat einst entschieden habe. Den Schülern der Hauptschule dankte Possel-Dölken ausdrücklich für ihren Einsatz. Sie hätten Interesse an Stadtgeschichte gezeigt und sich mit ihrer Initiative am kommunalpolitischen Geschehen beteiligt.“


Bernd Schrupp 02/2015


Judengasse

(Quelle: OpenStreetMap)





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