Judengasse und Karoline-Kahn-Platz

Im Erzstift Trier, zu dem seit 1018 die Stadt Montabaur gehörte, ließen sich seit dem 12. Jahrhundert Juden mit ihren Familien nicht nur in den Hauptstädten Trier und Koblenz nieder, sondern auch in den übrigen Städten, so auch in der seit 1291 mit Stadtrechten beliehenen Stadt Montabaur. Hier siedelten sie sich in einer Seitengasse zwischen der Kirchgasse und der Stadtmauer an, die daraufhin den Namen Judengasse, im Volksmund „Juddegass“, erhielt. Die Juden waren damals mit Schutzgeleitbriefen der Kurfürsten ausgestattete nur geduldete Bewohner der Stadt. Sie durften nicht in Handwerkszünfte aufgenommen werden und konnten keine Bürgerrechte erwerben. Daher betrieben sie unterschiedliche Handelsgeschäfte außerhalb der Zünfte und teilweise Geldverleihgeschäfte. Im Jahr 1332 wurde z.B. in Koblenz ein Geldverleiher aus Montabaur, Bendit de Montabaur, genannt. Die Juden waren im Erzstift Trier im 14. Jahrhundert, und auch in Montabaur, wiederholt Verfolgungen und „Pogromen“ durch judenfeindliche Volksscharen ausgesetzt; in Montabaur sind solche „Pogrome“ aus den Jahren 1337 und 1349 (nach der Ausbreitung der Pestseuche) belegt. Dennoch blieben Juden in Montabaur in der Judengasse bis zum Jahr 1419 sesshaft; in diesem Jahr hat der Kurfürst Otto von Ziegenhain jedoch alle Juden aus dem Erzstift Trier ausgewiesen, offenbar auf Veranlassung und Druck der städtischen Führungsschichten und des Adels, obwohl die Juden hohe Abgaben in die kurfürstliche Kasse gezahlt hatten.

In der Judengasse, die beidseitig mit Wohnhäusern, Werkstätten, Scheunen und Ställen bebaut war, hatten in dieser Zeit aber nicht nur Juden, sondern auch andere Bürger und Einwohner der Stadt gelebt und gearbeitet. Ab 1415 bis 1587 wurde hier auch die Amtskellnerei des Amtes Montabaur genannt, mit Vorratsräumen auf Speichern und in Kellergewölben an der Stadtmauer oberhalb der oberen Sauertaler Stadtpforte.

Ab dem 16. Jahrhundert wurden in Montabaur nach und nach wieder Judenfamilien sesshaft. Sie betrieben Viehhandel, Wein- und Kleinhandel, den Verkauf von Eisenwaren und Geldgeschäfte. Ab dieser Zeit lebten sie aber nicht mehr in der Judengasse, die ihren Namen behielt, sondern in den Stadtvierteln Steinweg und Rebenstock, wo sie auch eine Judenschule und ein Bethaus einrichteten; letzteres wurde am Rebstock im Jahr 1749 zu einer Synagoge ausgebaut. Die Rechtsstellung der Juden im Erzstift Trier wurde im 17. und 18. Jahrhundert durch mehrere kurfürstliche Judenordnungen geregelt; innerhalb ihrer Judengemeinde lebten sie mit einem Vorsteher nach eigenem jüdischem Recht. Im Jahr 1777 lebten etwa 10 jüdische Familien mit 20 Kindern in der Stadt Montabaur. Inzwischen waren sie als Mitbewohner und Handelspartner anerkannt und zahlten auch verschiedene Abgaben an die Stadtkasse. Erst ab 1848 erlangten die Juden im Herzogtum Nassau und in Montabaur die vollen Bürgerrechte; im Kaiserreich und in der Weimarer Republik waren sie bis 1933 angesehene und geachtete Bürger der Stadt. Mit der Machtübernahme durch die NSDAP setzte 1933 im Deutschen Reich eine neue antisemitische Diskriminierung und Verfolgung der Juden ein, die im November 1938 zu organisierten Ausschreitungen durch SA-Verbände führte. Am 9. November 1938 wurde in der Stadt Montabaur die jüdische Synagoge an der Wallstraße beschädigt und in Brand gesetzt, der aber alsbald wieder gelöscht wurde. Am Abend wurden alle jüdischen Mitbürger aus ihren Häusern an der Bahnhofstraße, am Steinweg und am Rebstock herausgeholt und auf dem Großen Markt zum Abtransport mit Viehtransportern zusammengetrieben. Dabei wurde die bettlägerige 66 Jahre alte Karoline Kahn, die Witwe des 1937 verstorbenen Viehhändlers Hermann Kahn, von SA-Männern aus ihrem Haus am Vorderen Rebstock herausgezerrt, an den Haaren mit Geschrei über das Pflaster zum Markt geschleift und von umstehenden Erwachsenen und Kindern mit Schmährufen und Fußtritten misshandelt. Ihre 3 Söhne hatten sich vorgewarnt rechtzeitig bei einem Bauern in Dernbach verstecken können und wanderten später nach Frankreich aus. Karoline Kahn wurde am 9. November 1938 mit den anderen Juden mit Viehtransportern nach Kirchähr gebracht, aber später wieder freigelassen. Sie wurde bedrängt, ihr Haus am Vorderen Rebstock zu verkaufen; danach lebte sie ab Dezember 1938 in einem jüdischen Altenheim in Frankfurt, wo sie im Jahr 1942 im Alter von 70 Jahren verstarb.

Die Judengasse war 1935 vom Stadtrat in Elisabethenstraße umbenannt worden, was der Stadtrat im Jahr 1995 auf Initiative einer 10. Klasse der Heinrich-Roth-Schule wieder aufhob und dieser Straße ihren historischen Namen „Judengasse“ zurückgab. Der an dieser Straße im Jahr 2017 neu gestaltete Platz hat vom Stadtrat durch Beschluss vom 14.12.2016 den Namen „Karoline-Kahn-Platz“ erhalten, im Gedenken an die am 9.11.1938 in Montabaur misshandelte jüdische Mitbürgerin Karoline Kahn, stellvertretend für die an diesem Tag aus der Stadt Montabaur vertriebene jüdische Gemeinde.

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